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Haller Kreisblatt 14.12.2009

Die Zeit bleibt stehen
Von Ed Rekate

Werther. „Ist denn schon wieder Weihnachten?”, schmettert Thunderbirds-Leader Ralf Schuppner jedes Jahr am Abend vor Heiligabend in den ausverkauften Drei-Linden-Saal. „Es ist ein ganzes Jahr her und ihr habt euch überhaupt nicht verändert!” Schlagzeuger Jimmy Nitizki feuert zum Auftakt volles Rohr La-Bamba-Rhythmik in die Zuschauermenge, die schon nach den ersten 30 Sekunden beim choralen »Ahhhh« im Vierklang interaktiv mitzieht.
»Twist and Shout« - Die felsenfestliche Rock?o?Mania- Weihnachtsparty explodiert prompt mit einem konkreten Titel aus 1961, dem Gründungsjahr der Thunderbirds. Die coole ostwestfälische Coverband, die nunmehr seit mehr als 48 Jahren ihre Fans konzertant auf Touren bringt, ist schon ein musikgeschichtliches Phänomen. Und das zeigt sich regelmäßig in der Adventszeit am Tag vor Heiligabend in der ehemaligen Traditionsgaststätte Drei Linden.

Obwohl die Gastwirtschaft und der Veranstaltungsort geschlossen sind, werden die Räumlichkeiten regelmäßig von einem Sponsorenteam, dem Finanzdienstleister Udo Heidemann und dem Getränkehändler Reinhard Pottmeyer aus Werther, angemietet und extra für das immer gut besuchte Event reaktiviert. „Die Zeit bleibt stehen”, beteuert ein begeisterter Thunderbirds-Fan vor Ort, der mit seiner Begleiterin bewusst aus Bielefeld herübereilte, um das klingende und dezibelstarke Kurz-vor-Weihnachten-Erlebnis direkt mitzunehmen.
Der Eröffnungs-Potpourri der Thunderbirds legte mit »Hippy Hippy Shake« noch einen fetzigen 50er-Jahre-Song obendrauf, um gleich mit dem nächsten Titel »Johnny Be Good« die brodelnde Zuschauermenge auf Betriebstemperatur zu bringen. „Are you ready?”, lautet das Ritual, bei dem es den sechs Thunderbirds immer wieder gelingt, dass alle kollektiv die Hände hochreißen und die couragiertesten Tänzerinnen schon mal die Tanzfläche entern.

Und der Saal kocht richtig auf, wenn das goldene Saxophon an Martin Rodes Lippen einen luftigen Kopfstand fabriziert, der Pianist Christian Burk mit Fäusten und Ellenbogen Klangsalven generiert, der Haller Lokalmatador Jürgen Ringels die glänzenden Stahlsaiten seiner Stratocaster solistisch überdehnt und Gitarrist Günther Ennen dem Publikum ein schweißtreibendes Rhythmusbad einlässt. Auch T-Bird-Bassist Schuppner erntet höchstes Lob: „Wir haben neulich Paul McCartney gesehen, der Ralf spielt eindeutig besser.”
Zur rockigen Advent-Atmosphäre gehört selbstverständlich die mitreißende Twist-Version von »Jingle Bells«, die auf der Tanzfläche die Bewegungen mit dem Becken sowie das Drehen mit der Fußspitze beschleunigt und wie der Blitz die restlichen Minuten vorm Heiligabend verstreichen lässt. Gegen Mitternacht neigt sich dann ein turbulentes Thunderbirds-Konzert dem Ende.
Martina, die bereits seit zwölf Jahren im Drei Linden mitfeiert, bemerkt nach dem donnernden Applaus, der dem bombastischen Zugabereigen folgte, einen kleinen Traditionsbruch. „Als Schlusslied spielten die Thunderbirds erstmalig nicht »Marmor, Stein und Eisen bricht« von Drafi Deutscher, sondern »Satisfaction« von den Rolling Stones”, beteuerte die achtsam lauschende Postbotin. Es gibt eben doch immer wieder Weihnachtsüberraschungen - man muss nur genau zuhören.

       

Haller Kreisblatt 27.12.2009